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„Warum leben Eure alten und kranken Menschen in Heimen und nicht bei ihren Familien?“

Sechsköpfige Delegation aus Baboua/Zentralafrika ist derzeit zu Besuch im Kirchenkreis Diepholz

KIRCHENKREIS DIEPHOLZ (miu). „Wir sind beeindruckt, dass es in Deutschland Pflegeeinrichtungen gibt, die sich um alte und demenzkranke Menschen kümmern. Aber… Wieso leben denn die alten oder kranken Menschen nicht bei ihrer Familie…?“ Die Frage klingt nicht wertend, aber die Besucher sind schon deutlich irritiert. Sowas kennen sie aus ihrer Heimat nicht. Sechs Männer und Frauen aus Baboua in der Zentralafrikanischen Republik sind derzeit im Kirchenkreis Diepholz zu Gast - „endlich!“, freuen sich die Gastgeber, denn im vergangenen Jahr musste der Austausch abgesagt werden, weil die Gruppe vergeblich aufs Visum wartete.

Die Zentralafrikanische Republik ist fast doppelt so groß wie Deutschland. Sie grenzt im Westen an Kamerun, im Norden an Tschad und den Sudan, im Osten an Südsudan, im Süden an Kongo und die Demokratische Republik Kongo. Die Bevölkerung lebt weitestgehend vom eigenen Feldanbau. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation im Land sind angespannt. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu Auseinandersetzungen zwischen Rebellengruppen und Regierungsmilizen. Das Auswärtige Amt hat angesichts der Sicherheitsrisiken und aufflammenden Kampfhandlungen eine Reisewarnung ausgesprochen. Die Delegation aus Baboua beurteilt die Situation im Augenblick jedoch als relativ ruhig: „Wir waren ein paar Tage unterwegs zum Flughafen Yaoundé in Kamerun, aber wir sind ohne große Probleme über die Grenze gekommen und konnten ungehindert nach Kamerun reisen“, erzählt Pastor Alfred Kombo, der die Gruppe leitet. „Die Situation stabilisiert sich. Es scheint so etwas wie Frieden einzukehren.“

Neben Alfred Kombo, dem 55-jährigen Pastor und Direktor der Bibelschule Baboua, mit der der Kirchenkreis Diepholz eine aktive Partnerschaft unterhält, sind noch fünf weitere Gäste nach Deutschland mitgekommen: Junior Gbabou-Legba ist 22 Jahre alt und Student an der Bibelschule. In seiner Heimatgemeinde Yaloke ist er in der Ju­gendarbeit und Chorarbeit tätig, jetzt wird er in Baboua zum Katechisten ausgebildet. Agnès Lambousa (42) aus Berberati ist Hausfrau und engagiert sich in der kirchlichen Frauenarbeit. Privat Gbayombo (31) aus Ndiba ist Mechaniker und in der kirchlichen Chorarbeit aktiv. Ndanda Sidonie (40) arbeitet als Hebamme in der Geburtshilfe der lutherischen Krankenstation in Gallo. Und Paul Halate (53) ist Pastor und Dozent an der Bibelschule Baboua.

Drei Wochen lang leben die sechs bei Gastgebern im Kirchenkreis. Die Verständigung läuft auf Französisch, „aber oft auch einfach mit Händen und Füßen. Und das klappt ausgesprochen gut“, sagt Michael Steinmeyer, Pastor in Wagenfeld, Organisator des Austauschs und Beauftragter für die Partnerschaft mit Baboua.

Die Gruppe ist wissbegierig und interessiert, dementsprechend getaktet ist das Programm in Deutschland. Sie besuchen unzählige Einrichtungen, Angebote, Kreise und Ausschüsse, Veranstaltungen, Gottesdienste und Konzerte im Kirchenkreis. Zur Begrüßung kam Landrat Cord Bockhop nach Wagenfeld, um die Region vorzustellen. Und die Gäste aus Baboua waren beeindruckt: „Wie groß und stabil hier alles ist. Allein die Häuser: Dass manche Bauernhöfe oder Gebäude in der Altstadt von Sulingen zum Beispiel so gebaut sind, dass sie schon seit über 100 Jahren stehen…“, staunen sie. „Beeindruckend ist auch, wie hoch der Mais in Deutschland steht. Der ist in Zentralafrika ganz anders - deutlich kleiner, die Kolben sind nicht so stark ausgeprägt. Was macht Ihr eigentlich mit so viel Mais?“ Mit Energiegewinnung, der Produktion von Biogas hatte die Gruppe jedenfalls nicht gerechnet. „Der Mais ist gar nicht zum Essen da? Weder für Menschen noch für Tiere…?“

Auch wenn Diepholz, Sulingen und Wagenfeld sicherlich alles andere als pulsierende Metropolen sind - „die Gäste sind immer wieder völlig erschlagen von der Fülle an Infrastruktur, Angeboten und Autos, die es hier gibt“, diese Erfahrung macht Michael Steinmeyer in diesen Tagen oft. „Natürlich nehmen sie unsere Gesellschaft hier als materiell sehr reich wahr, sie kommen aus einer ganz anderen Umgebung. Und das weckt auch gelegentlich Wünsche. Sie haben zentralafrikanisches Geld mit, das sie umtauschen und von dem sie Dinge für die Bibelschule anschaffen wollen. Ein Mitglied der Gruppe würde etwa gerne einen Computer kaufen. Wir gucken also gerade: Welche Art materieller Unterstützung ist sinnvoll und hilfreich?“ Ein Karton mit Solarlampen steht schon für die Rückreise bereit.

Bis dahin gibt‘s noch viel Programm. Die Gäste haben diakonische Angebote wie „Bethel im Norden“ in Freistatt, die betreute Wohnform für Mütter und Kinder des „Sozialpädagogischen Zentrums“ und das Sozialpsychatrische Tageszentrum „Taff“ in Sulingen, die Übernachtungsstelle „RastHaus“ und das Migrationsprojekt „AkzepTanz“ in Diepholz besucht. Das Diakonissen-Mutterhaus Lemförde, das evangelisch-lutherische Missionswerk und die Fachhochschule für Interkulturelle Theologie Hermannsburg. Sie begutachteten die Jugendarbeit im Kirchenkreis und Betriebe in der Region, waren zu Gast in der „Siebenhäuser Molkerei“ in Rehden, in einer Imkerei in Bahrenborstel und im „Wasserbüffelhof“ in Warpe. Ein großer Wunsch der sechs war es, im Reformationsjubiläumsjahr nach Wittenberg zu reisen, wo sie die Weltausstellung und die Lutherstätten anschauten.

In den nächsten Tagen stehen noch Fahrten nach Hannover, zum Landeskirchenamt, nach Winsen und Hermannsburg an. Und lokale Projekte der Kirchengemeinden. Besuche in Angeboten der Flüchtlingshilfe etwa - wie im „Café International“ in Wagenfeld.

Wie sieht die Fluchtsituation eigentlich aus zentralafrikanischer Sicht aus? Machen sich aus ihrem Land viele Menschen auf den Weg nach Europa? „Wenige eigentlich.“ Die Gäste schütteln den Kopf. Michael Steinmeyer ergänzt: „In vielen afrikanischen Ländern bestätigt sich tatsächlich das, was wir in der Zeitung lesen und in den Nachrichten hören: Dass die meisten Geflüchteten ja gar nicht erst nach Europa kommen, sondern in den Nachbarländern bleiben, oft sogar innerhalb des eigenen Landes. Viele Zentralafrikaner sind nach Tschad oder Kamerun geflohen, wo es dann aber nicht mehr weiterging.“

Anfang November reisen Alfred Kombo, Junior Gbabou-Legba, Agnès Lambousa, Privat Gbayombo, Ndanda Sidonie und Paul Halate wieder zurück nach Baboua. „Und wir verabschieden uns mit einem großen Wunsch an den Kirchenkreis Diepholz“, sagen die sechs: „Wenn bei uns wieder richtig Frieden ist, hoffen wir auf einen Gegenbesuch!“

 

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