Angedacht

03. April 2020
St. Nicolai, Sulingen; Foto: Homepage Kirchengemeinde

von Prädikant Dr. Ernst Funck, Sulingen

Am Palmsonntag löst Gott ein altes Versprechen ein     

Von Jericho bis Jerusalem – Judas und Jakobus mit Jesus unterwegs

Gerade haben Judas und Jakobus mit Jesus die Stadt Jericho verlassen, da sagt Judas: „Mann, Jakobus, das war ein Braten gestern Abend bei Zachäus! Hast du gesehen, wie weich und gefällig er Jesus gegenüber war? – Mensch, so wird es weitergehen. Die Großen, Reichen und besonders die Halsabschneider werden kuschen vor Jesus!“

„Jaaa.  Allerdings hat Jesus sich damit bei unseren religiösen Führen ganz schön stinkig gemacht,“ erwidert Jakobus.

Da hören die beiden lautes Rufen, erst undeutlich, dann klarer: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich unser“ und nochmal schreien die zwei Blinden: „Herr Jesus, Du Sohn Davids erbarme dich unser!“

„Du Jakobus,“ ruft Judas, „Jesus bleibt tatsächlich stehen und rührt ihre Augen an. – Sie stehen auf, hüpfen herum: Sie können offensichtlich IHN und uns sehen. Die sind ja ganz aus dem Häuschen! – Sag mal, wie kommen sie eigentlich darauf, Jesus mit dem Titel Sohn Davids an zu rufen?“ 

„Soweit ich weiß“ antwortet Jakobus, „ist Sohn Davids eine andere Bezeichnung für Messias. Sie glauben also, dass Jesus der lang ersehnte heilbringende König ist. Vor 1000 Jahren hat David, der in einem Palast wohnte, Gott auch einen Palast bauen wollen.  Gott aber hat strikt abgelehnt.  ER, Gott wolle dem David ein Haus und einen Sohn schenken.  Dessen Reich sollte dann ohne Ende in Frieden bestehen.  So steht es im 2. Buch Samuel in Kapitel 7.“

Judas knurrt: „Ja, ja, das meine ich zu kennen. Ich erwarte mit allen Sinnen, dass Jesus bald seine Macht als Messias zeigt. Er soll doch endlich das Gottesreich in Israel proklamieren. Dann wird den Römern das Lachen vergehen.“

„Und unseren selbstgefälligen Gesetzeswächtern ebenso, hoffe ich,“ bemerkt Jakobus. „Aber ich werde einfach ein komisches Gefühl nicht los. Unser Meister ist in den letzten Wochen so niedergeschlagen. Mehrmals hat er von Haft, Folter und Demütigung gesprochen, die ihm bevorstehen sollen.“

Judas ist nachdenklich: „Ich glaube, er ist einfach überarbeitet. Er schläft ja kaum noch. Höchstwahrscheinlich ist er selbst in äußerster Hochspannung.“

Sie sind inzwischen vor Bethanien angelangt.

Jesus spricht sie an: „Judas, Jakobus, geht bitte mal ins Dorf. Dort findet ihr einen jungen Esel angebunden. Den bringt mir her. Wenn ihr sagt, dass ich euch schicke, geht das klar“.

„Was will er denn mit einem Esel?“ fragt Judas auf dem Weg ins Dorf. 

Als Jesus sich dann auf den Esel setzt, ist Judas sicher: „Siehst Du, er ist einfach müde.“

„Nee, ich denke, Jesus macht wahr, was der Prophet Sacharja gesagt hat: Siehe, dein König kommt auf einem Eselsfohlen, Sacharja 9,9 – Halleluja, Jesus ist unser König!“, ruft Jakobus spontan.

Judas fällt mit vielen andern in diese Huldigung ein. Schließlich skandieren alle mit zunehmender Lautstärke: „Hosianna, dem Sohn Davids, gelobt sei Jesus von Nazareth, der Messias!“  

Dem Judas platzt vor Freude fast die Brust. „Jetzt ist der Korken gesprungen. Jerusalem ist in Sicht. Dahinein geht es jetzt. Er wird die Macht ergreifen – und wir sind dabei. Hurra, endlich!“

„Schön wär´s, aber ich bin immer noch skeptisch,“ meint Jakobus. „Siehst Du: Jesus stoppt. – Er weint! – Jesus, der Messias, weint! – Er beklagt, dass sein geliebtes Volk seinen Auftrag nicht kapiert! – Ich erinnere mich: Jesus hat mehrmals betont, dass sein Reich keine weltliche Struktur haben werde. Denk mal dran:  Er hat nie aufgewiegelt. Als sie ihn nach dem Brotwunder zum König krönen wollten, hat er sich sogar lange versteckt. Den Gescheiterten und Kranken hat er ein liebevolles JA von Gott zugesprochen. Weißt Du noch, wie er erfolgreich den Tod aus dem Mädchen des Jairus gejagt hat?  Wie er den Sturm auf dem See gestoppt und die bösen Geister das Fürchten gelehrt hat?  Du, Judas, ich denke, sein Reich hat wirklich andere Qualitäten und Reichweiten als die Macht unserer Priester und des Kaisers in Rom. Hörst Du mir eigentlich noch zu, du bist ja ganz außer dir?“

„Ja, ich höre, aber ich kann Dir nicht recht folgen. Der Sohn Davids soll doch Israel erlösen und das geht jetzt doch los!“

„Ja, aber denk mal an Jesaja 53.  Da heißt es, dass der verheißene Retter hingerichtet, sogar geschlachtet werden wird. Durch seinen Gehorsam Gott gegenüber soll er unsere Aufsässigkeit ausgleichen. Soll Israel vielleicht auf diese Weise erlöst werden?“

„Hör auf“ schreit Judas, „das wäre ja eine Katastrophe für unser Volk. Seit Jahren warten wir darauf, frei zu werden von der Fremdherrschaft. Wir erhoffen, dass Jesus die Katze jetzt aus dem Sack lässt und hier reinen Tisch macht.“

„Ja das hoffe ich auch: Aber ER hat wohl seine Weise!“ entgegnet Jakobus. „Ich fürchte, es wird ganz anders laufen, als wir es erhoffen.“

Inzwischen sind die Beiden schon mit der lobenden Menge bis zum Tempel gekommen. Eine Kinderschar empfängt Jesus mit dem Ruf:

„Hosianna, gelobt sei Jesus der Sohn Davids! Gelobt sei unser Gott, der sein Versprechen an David heute erfüllt!“

Judas, Jakobus und die ganze Christenheit stimmt an Palmsonntag mit ein:        

„Gelobt sei unser Gott, der sein Versprechen heute erfüllt!“