Angedacht

09. April 2020
Kathrin Wiggermann; Foto: privat

von Pastorin Kathrin Wiggermann, St. Michaelis, Diepholz

Was Gott uns schenkt

Hmmm, es riecht nach Frühling draußen. Es blüht so schön. Jetzt, da ich hier sitze und diese Worte schreibe, bilden sich gelbe und weiße Blüten gegen den strahlend blauen Himmel ab. Und ich kann den Frühling hören. Vögel zwitschern, Wespen summen. Eine hat sich gerade durch das Fenster in mein Arbeitszimmer verirrt. Schön, dass es so still ist, dass man das Leben hören kann. Es ist die stille Woche. Die Karwoche. Normalerweise die Woche der Osterhektik. Einkaufen, Feiertage planen, Besuche organisieren. Nicht wenige fliehen in den Urlaub oder genießen den Frühling einfach fernab vom Alltag.

Dieses Jahr nun mal anders. Niemand kann weg, einkaufen geht nur in bestimmten Läden. Und es ist relativ still. Man kann das Leben hören und – weil das Wetter gerade so schön ist – auf der Haut spüren.

Hunger. Haben Sie auch Hunger? Dann sind Sie hier richtig. Es gibt Brot und Wein. Es ist nämlich Gründonnerstag. Der Altar ist weiß gedeckt wie an Ostern. Wir greifen vor. Denn an diesem Tag können wir uns das göttliche Heil auf der Zunge zergehen lassen.

„Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset; das ist mein Leib.“ (Matthäus 26,26)

Ohne Worte fragen seine Jünger sich: Was gibt er da?

Jesus teilt aus. Mit beiden Händen teilt und verschenkt er. Einfaches Brot. Darin eingebacken ein Ritual, das uns schmecken und spüren lässt: Gott ist nah. Gott ist in dir. Jesus geht, das Brot bleibt. Wir haben etwas in der Hand, das wir schmecken und spüren können. Jesus stillt Hunger über seine Zeit hinaus: Wer ihn so in sich aufnimmt, wird frei: geistlich unabhängig von der Bindung an Leistung und Können.

„Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Matthäus 26, 27-28)

Ohne Worte fragen seine Jünger sich: Was ist da drin?

Jesus schenkt aus. Es gibt nur einen Kelch. Daraus muss jeder trinken, der dabei ist. Sonst spürt er nicht, wie die Flüssigkeit kühlend durch Mund und Speiseröhre fließt. Hinterher ein warmes Gefühl. Angenehm. Lecker. So schmeckt Lebensfreude. Blut? Ist Lebenssaft. Jesus geht, der Kelch bleibt.

Wir haben etwas, um unseren Durst zu löschen. Der Kelch sprudelt wie eine nie versiegende Quelle in das Leben. Vergeben und vergessen, was war und mich von Gott trennte. Er nimmt wieder Raum in mir.

Was gibt er da? Was ist da drin?

„Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige Herr.“ (Psalm 111,4)

Die Vögel zwitschern, die offenen Blüten recken sich nach der Sonne.

Doch es wird Nacht werden. Gut, dass wir uns noch einmal gestärkt haben. Wir schmecken und spüren, wie freundlich der Herr ist. So halten wir den Karfreitag aus.

Pastorin

Kathrin Wiggermann
Tel.: 05441 / 1038