Angedacht

10. April 2020
Prädikant Rainer Triller; Foto: privat

von Prädikant Rainer Triller, Freistatt

Der dritte Tag

Weggerannt sind sie, die engsten Freunde und Vertrauten in der Nacht, als Jesus verhaftet wurde. Keiner ist zurückgekommen zum sterbenden Jesus am Kreuz. Fast alle packte die Angst. Nur weg von hier! Nicht mit dabei sein, wenn sie Jesus gefangen nehmen! Nicht mit hineingezogen werden, womöglich selbst in Gefahr geraten!

Ob sich da noch einer ein Herz gefasst hat und den Weg nach Golgatha hinaufgegangen ist?

Ob sich einer diesen entsetzlichen Anblick zugemutet hat im grellen Mittagslicht: Jesus hängt am Kreuz, das Gesicht schmerzverzehrt und gezeichnet von Schlägen und Misshandlungen und blass, die Augen tief in den Höhlen, Hände und Füße von den Nägeln durchbohrt.

Ist das Gottes Sohn? Warum lässt er das mit sich machen? Warum lässt Gott das mit seinem Sohn machen?

Diesen Anblick, diese Fragen müssen die Freunde an diesem Tag, müssen wir als Christen immer wieder aushalten. Diese Fragen stellen unseren Glauben immer wieder in Frage.

Diesen Weg hat Gott gewählt, um uns zu zeigen, dass er in aller Angst, in allem Schmerz, in aller Verzweiflung  – wie bei seinem Sohn – so auch bei uns bleiben wird. Er will all dem, was unser Leben bedroht, nicht das letzte Wort lassen! Nicht einmal dem Tod! Das war am ersten Karfreitag noch nicht zu sehen.

Das lässt sich nur glauben, weil in drei Tagen die Sonne aufgehen wird über einem leeren Grab.

Wann wird das Leben wieder weitergehen? Wer gehofft hatte, die Einschränkungen durch das Corona-Virus würde zu Ostern aufgehoben, sieht sich getäuscht. Unbeirrt öffnet zwar der Frühling Knospe um Knospe, doch die Türen der Kirchen bleiben ebenso geschlossen wie die Türen der Häuser. Wie können wir unter den gegebenen Umständen von der Auferstehung sprechen? Das ist eine grundsätzliche Frage, sie stellt sich nicht nur in Krisenzeiten. Die Toten laufen ja nicht einfach frei herum, um es mit den provozierenden Worten eines Buchtitels zu sagen.

Die Auferstehung lässt sich auch nicht in einem Kalender eintragen, denn sie ereignet sich nicht nach drei Tagen, sondern „am dritten Tag“! Der dritte Tag ist nicht ein historisches, sondern ein theologisches Datum.

Aufgerufen wird ein Wort des Propheten Hosea: Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht. Der „dritte Tag“ ist Gottes Tag! An ihm ist alles anders und von Grund auf neu, nicht erwartbar, ein erstes Mal. Für die Begegnung mit dem auferstandenen Christus gibt es kein Rezept, kein Datum und keine spirituelle Anleitung. Die neue Wirklichkeit ereignet sich nach den Erzählungen im Neuen Testament immer am ersten Tag der Woche und früh am Morgen. Und immer ereignet sie sich in der Gegenwart von Frauen.

Keiner kann sagen, wann das Virus besiegt sein wird. Der Tag wird kommen, da Straßencafésund auch Kirchen wieder offen sind und nicht leer. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hängt daran nicht!

Der „dritte Tag“ ist heute!

Prädikant

Rainer Triller