Angedacht

13. April 2020
Kathrin Wiggermann; Foto: privat

von Pastorin Kathrin Wiggermann, St. Michaelis, Diepholz

Der vierte Tag

Gestern haben wir die Auferstehung gefeiert. Heute ist der Tag danach.

Es ist Montag. Schön, dass wir diese großen Feste wie Weihnachten, Pfingsten und Ostern immer mit zwei freien Tagen begehen dürfen. Das macht gute Laune. Wenn dann noch das Wetter mitspielt…

Jedenfalls hat man so, vor allem in diesem Jahr, ein bisschen Zeit zum Nachdenken: Auferstehung – geht das?

Zweifel. Das erste, was an Ostern ganz laut wird, ist der Zweifel. Die vielen Argumente dagegen. Historiker und Archäologen finden keinen Beweis. Nicht anders die ersten Jünger: Sie trauten ihren Augen nicht. Ist das vielleicht ein Beweis, dass sie ihren Augen nicht trauten, sondern Worten eines Dritten?

Josef von Arimathäa hatte am Freitag all die Hoffnung der Jünger begraben und einen dicken Stein vor das Grab gewälzt. Aus und vorbei ihre Hoffnung auf einen Neubeginn ihres Lebens in Freiheit und Gerechtigkeit. Traurig gingen zwei der Jünger weg von Jerusalem, dem Ort der Tränen, dem Machtzentrum der hohen Herren. Ihr Herz war schwer.

Unterwegs schloss sich ihnen ein dritter Mann an, fragte nach ihrem Kummer, übernahm das Wort und erklärte ihnen, was Sache war. Warum sie das denn nicht verstanden hätten: Es musste doch alles so kommen. Die Katastrophe, der Kreuzestod Jesu, war unaufhaltsam auf sie zugekommen. Die Propheten, die Schriften – gemeinsam durchliefen sie noch einmal die Heilsgeschichte – all dem konnte man doch entnehmen, dass alles so kommen musste.

Konnten diese Worte sie trösten?

Sie erreichten das Dorf Emmaus. Das Ziel der beiden Jünger.

„Bleibe bei uns Herr, denn es will Abend werden.“

Der dritte Mann blieb, setzte sich mit ihnen zu Tisch. Er nahm das Brot, sprach den Segen, teilte es und gab es ihnen. In diesem Moment wurden den Jüngern die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.

Und er verschwand aus ihrer Mitte.

„Brannte nicht unser Herz, als wir mit ihm gingen?“

Und vielleicht haben sie weitergedacht: Warum haben wir ihn nicht sofort erkannt?

Die Auferstehung liegt jenseits der Grenze des Todes. In Jesus Christus lässt Gott uns einmal hinter diese Grenze schauen, ohne dass wir dadurch eine gesicherte Datengrundlage zur Erforschung neuer Naturphänomene bekommen würden. Aber diese Grenzüberschreitung bewirkt Unerhörtes. Nicht, dass wir dem Tod dadurch ausweichen könnten.

Vielmehr haben wir der Todesangst etwas entgegenzusetzen: Hoffnung. Der Tod ist nicht das Letzte, sondern eben nur eine Grenze. Wir malen uns die Wirklichkeit hinter der Grenze nicht detailliert aus, aber wir hoffen auf eine Wirklichkeit, in der der Mensch bei Gott seine gesamte Geschichte wiederfindet.

In einer Zeit, in der eine Pandemie als unaufhaltsame Katastrophe auf uns zurollt und unser Leben bedroht, ist das eine heilsame Perspektive. Der Ernstfall des Sterbens ist immer Teil unseres Lebens, doch nie gedanklich so nah wie im Moment. Der Glaube an die Auferstehung allerdings bereitet den Menschen auf den Ernstfall vor und begegnet der Angst mit Hoffnung.

Christus spricht: „Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,18) Und für uns im 21. Jahrhundert könnte er weitersprechen: Wenn ihr auch zweifelt, schließt euch den vielen Zeugen an, die davon erzählen, dass ich ihnen begegnet bin und ihr Leben zum Guten verändert habe.

Heute ist erst Tag vier. Es braucht einfach Zeit, bis einem die Augen geöffnet werden.

Pastorin

Kathrin Wiggermann
Tel.: 05441 / 1038