Angedacht

15. April 2020
Prädikant Rainer Triller; Foto: privat

von Prädikant Rainer Triller, Freistatt

Losung und Lehrtext:

Der Herr, dein Gott, ist bei dir gewesen. An nichts hast du Mangel gehabt, (5. Mose, 2, 7)

Paulus schreibt: In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: In großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben ,und doch alles haben. (2. Korinther 6, 4.10)

Manchmal denke ich, dass denen, die Losungen ziehen, von Gott die Hände geführt werden. Dass unser Herrgott schon weiß, wessen wir bedürfen, bevor wir selbst es bemerken. Der Losungsvers aus dem Alten Testament erinnert uns heute noch einmal an Ostern. An dieses Gründungsfest der Christenheit, an die Erfahrung der Frauen am leeren Grab, an die Erfahrung der Emmaus-Jünger, dass die liebevolle Verbindung mit Gott, mit unserem Herrn Jesus Christus nicht abreißt, nicht totzukriegen ist.

Damit erinnert der Vers uns zugleich an Karfreitag, als selbst Jesus sich so verlassen fühlt, dass er nur noch schreien konnte: Herr, warum hast du mich verlassen??

Mir ist es jedenfalls oft so gegangen, dass ich in Momenten tiefer Verzweiflung erst danach gemerkt habe, wie behütet ich doch trotz aller Bedrängnis gewesen bin. Da konnte ich dann nachvollziehen, was John Lennons berühmter Satz, man müsse das Leben vorwärts leben, aber könne es eigentlich immer erst rückwärts verstehen, bedeutet. Oft vergessen wir diese Erfahrungen des Behütet-, des Getragen - Seins nach Momenten der Not und der Verzweiflung  allzu schnell und vergessen darüber das Danken!

Das ist das eine, und das andere ist, dass wir auch die gemachte Erfahrung sehr schnell wieder vergessen, manchmal wohl auch verdrängen!

Wir vergessen oft, wovon wir im Lied EKG Nr. 317 „Lobet den Herrn“ im Vers 3 schon so oft gesungen haben: „In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet“.

Ich bin daher skeptisch, ob die Verse des Lehrtextes von Paulus auf uns Christen immer zutreffen.

Zu oft habe ich mich, habe ich Mitchristen in Bedrängnissen, in Nöten in Ängsten erlebt, in denen wir nicht geduldig, nicht fröhlich waren, in denen wir nicht viele reich gemacht haben, in denen wir meinten, zu wenig abbekommen zu haben vom großen Kuchen der Wohltaten.

Der Lehrtext von Paulus ist vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit mir selbst und anderen Christen eher als Missionsbefehl an uns alle zu verstehen, die Botschaft von Ostern, vom Sieg des Lebens über den Tod, vom Sieg der Hoffnung über die Verzweiflung, vom Sieg des frohen Mutes über die Traurigkeit uns immer wieder neu zu erzählen und die Osterbotschaft hinauszutragen in alle Welt.

Ich bin sicher, das schaffen wir als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die armen, aber die doch viele reich machen.

Denn wir wissen doch: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!