Angedacht

27. April 2020
Kathrin Wiggermann; Foto: privat

von Pastorin Kathrin Wiggermann, St. Michaelis, Diepholz

Gott gab uns Atem, damit wir leben, er gab uns Augen, dass wir uns sehn.

Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn.

Gott gab uns Ohren, damit wir hören, er gab uns Worte, dass wir verstehn.

Gott will nicht diese Erde zerstören. Er schuf sie gut, er schuf sie schön.

 

Gott gab uns Hände, damit wir handeln, er gab uns Füße, dass wir fest stehn.

Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehn.          (Evangelisches Gesangbuch Nr. 432)

 

Gott gab uns Atem, damit wir leben…

Mit Schutzmaske im Gesicht ist das Atmen aber gar nicht so einfach. Und leider beschlägt auch die Brille sehr schnell: … er gab uns Augen, dass wir uns sehn. Schwierig in Corona-Zeiten.

Ich habe in der letzten Woche – noch vor der Schutzmaskenverpflichtung – schon mal geprobt, wie sich das Einkaufen in den Geschäften so anfühlt, wenn Nase und Mund bedeckt sind. Ich muss sagen: ziemlich schwül. Die Verordnung wird mich dazu bringen, so wenig wie möglich einzukaufen. So erfüllt die Maske auch ihren Zweck: ich bleibe möglichst fern von anderen Menschen in geschlossenen Räumen.

Gott gab uns Atem, damit wir leben, Augen, dass wir uns ansehen, Ohren, Worte, damit wir reden, Hände, um zu handeln. Und auch mit unseren Füßen haben wir uns sonst aufeinander zubewegt. Der Liedtext beschreibt Gemeinschaft und Miteinander. Wir üben uns gerade im Gegenteil. Sicher können wir per Telefon oder digital miteinander kommunizieren, aber das ist nicht das gleiche Gefühl, als wenn man sich gegenübersteht und in die Augen des anderen schaut. Und was ist mit dem Händedruck oder einer herzlichen Umarmung?

Wir sind verletzlich geworden: ein Virus zeigt uns unsere Grenzen auf. Mehr Fragen als Antworten in den Medien, die vielbeschworene Wissenschaft scheint sich oft zu widersprechen. Und daneben -unermüdlich im Einsatz - die Pflegekräfte, die Ärzte, die Forscher: keiner weiß, wie lange der Ausnahmezustand normal bleiben wird; wie lange die Kräfte reichen müssen.

Auf Distanz gehen wird zur Gewohnheit. Sie darf aber nur zur Gewohnheit auf Zeit werden.

Zwei Blinde saßen am Wegesrand nach Jericho. Jesus näherte sich, und sie riefen: „Herr, erbarme dich unser!“ Und es jammerte Jesus. Sie taten ihm so leid. Und er berührte ihre Augen; und sogleich wurden sie sehend. (Matthäus 20,29-34)

Eine Geschichte großer Nähe. Jesus lässt sich berühren vom Leid der Blinden. Er berührt sie mit seiner Liebe. Heilungsgeschichten erzählen von Hoffnung und geschenktem neuen Leben.

Wir werden mit der Zeit wieder in die alte Normalität zurückkehren dürfen. Dann müssen wir vielleicht neu lernen, Nähe zuzulassen und Nähe zu suchen. Ein Lernweg, der bestimmt genauso lebenswichtig ist, wie der, in der jetzigen Zeit auf Distanz zu gehen. Denn in der Nähe und Zuwendung von Menschen liegt Heil. In ihnen spüren wir Gottes Lebensatem, der uns lebendig macht, die Seele stärkt und ihr Widerstandskraft gibt.

Gott gab uns Atem, damit wir leben… Ich freue mich sehr auf die Zeit, in der wir wieder frei und befreit durchatmen können.

Pastorin

Kathrin Wiggermann
Tel.: 05441 / 1038