Angedacht

28. April 2020
Prädikant Rainer Triller; Foto: privat

von Prädikant Rainer Triller, Freistatt

Losung und Lehrtext:

So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den HERRN, euren Gott, zu suchen. (1.Chronik 22,19)

Lauft so, dass ihr den Siegespreis erlangt. (1.Korinther 9,24)

In wenigen Wochen hätte die Fußball-Europameisterschaft stattfinden sollen. Ein Spektakel, dem viele entgegengefiebert haben. Dieses Großereignis wird nun nicht stattfinden können.

Gern hätten wir unserer Nationalmannschaft den Vers des Lehrtextes mit auf den Weg gegeben: Lauft so, dass ihr den Siegespreis erlangt.

Natürlich ist uns – genau wie Paulus, als er diesen Satz an die Gemeinde der Christen in Korinth schreibt – bewusst, dass in einem Wettkampf immer nur einer gewinnen kann, nur einer der große Sieger sein kann.

Aber ist unser Leben denn ein Wettkampf? Müssen wir dauernd unsere Kräfte mit anderen messen, uns mit anderen vergleichen? Wie uns das die Anhänger einer gewinnorientierten Wirtschaftspolitik gern weißmachen wollen und wie uns das auch manche Schulpolitiker oder Pädagogen einreden wollen, wenn sie in Schulen häufige Tests und Vergleichsarbeiten einfordern? Laufen wir damit nicht geradewegs in die Falle, die der Philosoph Sören Kierkegaard einmal so benannt hat:

Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.

In meinem Berufsleben als Förderschullehrer hatte ich es meist mit Schülerinnen und Schülern zu tun, die in der Schule gerade nicht zu den Siegern gehörten. Ihre vielen Erfahrungen, nicht der oder die Beste zu sein, hatten sie mutlos gemacht, sie hatten das Zutrauen zu ihren Kräften verloren. Denen habe ich oft gesagt: „Es ist nicht schlimm, wenn du Manches nicht so gut kannst wie andere, das werde ich dir auch nicht vorwerfen! Aber böse werde ich, wenn ich bemerke, dass du dich nicht anstrengst!“

Es war nicht einfach, diese Zusage angesichts der geltenden Benotungs- und Versetzungsvorschriften auch durchzuhalten, aber es hat Schülerinnen und Schülern, die sich an Misserfolge gewöhnt hatten, aufgerichtet, ihnen neuen Mut gegeben.

Ich glaube nicht, dass der Lehrtext, dass Paulus uns in die von Kierkegaard benannte Falle locken wollen;

in die gemeinte Richtung weist uns der Losungsvers aus dem Buch der Chronik:

So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den HERRN, euren Gott, zu suchen.

Es geht in einem Christenleben darum, sich darüber klar zu werden, dass ich als Person Gottes geliebtes Kind bin, und zwar so, wie der Herr uns nun einmal unterschiedlich gemacht hat.

Und wir sind aufgerufen – das ist gemeint mit einem Leben nach Gottes Gebot – unsere Kräfte einzusetzen, mitzubauen an Gottes Reich!

Das wird im 1. Petrusbrief sehr klar formuliert; es heiß dort: Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. (1. Petrus 4, 10)

Meine Frau und ich haben diesen Vers als Leitvers für unsere Ehe ausgesucht; nach vielen gemeinsamen Jahren können wir guten Gewissens sagen, dass danach gut zu leben ist!