Angedacht

29. April 2020
Pastor Michael Steinmeyer; Foto: Jantje Ehlers

von Pastor Michael Steinmeyer, Wagenfeld

„Auch im Grundgesetz steht nicht die Gesundheit des Menschen an erster Stelle, sondern die Würde des Menschen.“ Das habe ich vor ein paar Wochen in einer Video-Andacht gesagt. Natürlich hat Wolfgang Schäuble die nicht gesehen. Und doch fühle ich mich bestätigt, seit ich Sonntag gehört und gelesen habe: Der Bundestagspräsident hat in einem Interview fast wörtlich das Gleiche gesagt. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt sinngemäß: Nicht nur die Gesundheit kommt erst nach der Würde des Menschen, sondern sogar das Leben. Und fügt dann hinzu: Die Würde, die uns das Grundgesetz zuspricht, ändert nichts daran, dass wir sterben müssen. Oder, um es mit Erich Kästner zu sagen:

„Leben ist immer lebensgefährlich.“

Das ist jetzt keine Aufforderung zum Leichtsinn. Schon im 90. Psalm, einem Gebet aus dem alten Israel, wird Gott gebeten: „Lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben – damit wir klug werden und es vernünftig gestalten.“ Natürlich schnalle ich mich beim Autofahren an. Natürlich setze ich beim Fahrradfahren einen Helm auf. Natürlich halte ich im Moment mehr Abstand zu anderen Menschen als in „normalen“ Zeiten. Natürlich wasche ich mir öfter die Hände als noch vor zwei Monaten – und mindestens das werde ich beibehalten, wenn die Zeiten wieder „normal“ sind. Aber alle Vorsicht und Rücksichtnahme auf andere kann nichts daran ändern: Irgendwann muss ich sterben. Und dass mein Leben bis dahin frei von Krankheit, fei von Leiden, frei von Unglück verläuft – selbst dafür gibt es keine Garantie.

Umso dankbarer bin ich für das Gute, das ich auch jetzt erlebe: Für den Sonnenaufgang vor meinem Fenster. Für den Regen, den es hoffentlich im Laufe dieser Woche endlich geben wird. Für den Garten hinter dem Haus. Dafür, dass ich nicht allein leben muss. Ich spüre womöglich deutlicher als sonst, wie kostbar das alles ist – und wie wenig selbstverständlich.

Und da ich Christ bin, vertraue ich darauf: Auch wenn mein Leben zu Ende geht und ich sterben muss, falle ich nicht tiefer als in Gottes Hand. Es war ein merkwürdiges Osterfest in diesem Jahr. Und doch haben wir es auch 2020 gefeiert: Der Tod hat nicht das letzte Wort! Jesus geht uns voraus durch den Tod in das neue Leben, das keine Krankheit, kein Leiden und keinen Tod mehr kennt!

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Ist es eigentlich ein Zufall, dass unter den Müttern und Vätern des Grundgesetzes so viele Christenmenschen waren?

Pastor

Michael Steinmeyer
Tel.: 05444 / 848