Angedacht

25. Juni 2020
Prädikant Rainer Triller; Foto: privat

von Prädikant Rainer Triller, Freistatt

Ich, der Herr, bin dein Heiland, und ich, der Mächtige, dein Erlöser. (Jesaja 60, 16)

Der Losungsvers für heute steht in einem Abschnitt, in dem Jesaja den Israeliten im babylonischen Exil die Vision eines zukünftigen Lebens entwickelt.

Anders als der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt – bekannt für seinen Realismus – der einmal sagte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sieht Jesaja das Leben und die Welt in einem anderen Horizont. Gott ist und bleibt der Schöpfer und Herrscher dieser Welt! Jesaja ist überzeugt: Gott hat seine Vision für die Menschen und die Welt nicht aufgegeben, will Frieden und Gerechtigkeit aufrichten auf der Erde.

Jesajas Vision klingt zugegebenermaßen ein wenig nach dem schlichten Liedchen, dass uns einst in Kindertagen getröstet hat, wenn wir uns weh getan hatten: „Heile, heile Segen, morgen gibt es Regen, übermorgen Sonnenschein, dann wird alles heile sein.“

Damals hat uns das geholfen, rasch über unseren Schmerz hinwegzukommen.

Aber bei den Schmerzen, die uns das Leben seitdem zugefügt hat und womöglich noch zufügen wird, hilft es kaum. Da ist stärkerer Trost nötig, Zuspruch, der uns bis in unser Innerstes hinein trifft.

Dass solcher Trost möglich ist, damit beschäftigt sich ein neuer Forschungszweig der Pädagogik, die Resilienzforschung. Sie schaut – anders als traditionelle Pädagogik – nicht nach Belastungsfaktoren für eine gelingende kindliche Entwicklung wie Armut, Gewalt oder Ehescheidung der Eltern,

Sie versucht stattdessen herauszufinden, was Kinder solche Belastungssituationen heil überstehen lässt, was sie trotzdem ein gelungenes Leben hat finden und führen lassen.

Die gefundene Antwort ist verblüffend einfach: Sie müssen in ihrem Leben einer Person begegnet sein, der ihnen bedingungsloses Vertrauen entgegenbrachte, der ihnen etwas zutraute, der ihnen sagte: „Trau dich, du schaffst das!“

Das Faszinierende ist: Eine Person, die einem Kind dies vermittelt, reicht! Je mehr, umso besser ist es natürlich, je stabiler wird ein Mensch voraussichtlich – aber eine Person, eine Erfahrung reicht!

Ich stelle das so ausführlich dar, weil hier die Bedeutung von uns allen in den Blick kommt, die wir für die Herausbildung von Visionen, für das Entstehen von Glauben haben. Welche Verantwortung wir als Einzelne dafür haben, dass Visionen wie die des Propheten Jesaja nicht leeres Gerede bleiben, nicht als bloße Vertröstung auf bessere Zeiten verunglimpft werden können.

Wenn es stimmt, dass in unseren Zeiten, die Christen, die einzige „Bibel“ sind, die unsere Mitmenschen lesen, dann müssen sie erkennen können, was uns das Wort Gottes wert ist, dass wir treu aus dieser Quelle schöpfen und dementsprechend reden, handeln und leben.

So werden wir zu „Flugblättern“ guter Botschaften. So werden wir zu Boschaftern unseres Herrn, der andere verstehen lässt, dass er der Heiland ist, der heil macht, was unser Leben zerstören will.