Angedacht

28. Mai 2020
Prädikant Rainer Triller; Foto: privat

von Prädikant Rainer Triller, Freistatt

Wende dich zu mir und sei mir gnädig, denn ich bin einsam und elend. (Psalm 25, 16)

Der Kranke antwortete Jesus: Herr ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, da steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! (Johannes 5, 7 – 8)

Seit 38 Jahren kann der Mann nicht mehr gehen. Er hat sich damit abgefunden, hat alle Hoffnung aufgegeben, jemals wieder gehen zu können.

Und dann steht dieser Jesus vor ihm und sagt zu ihm: „Steh auf und geh ein paar Schritte!“

Der Kranke nimmt allem Mut zusammen und beginnt zu gehen!

Er merkt: Gegen alle meine bisherigen Erfahrungen und Erwartungen kann ich tatsächlich wieder gehen!

Hat Jesus da ein Wunder getan, oder hat der Mann vorher nur nicht bemerkt, dass er gar nicht mehr krank ist?

Jesus sagt nichts dazu.

In erster Linie geht es hier auch nicht um ein Wunder, sondern um den Glauben, um die Erfahrung, um das sich Einlassen-Können auf den Gedanken, dass Veränderung, dass Aufbruch möglich ist.

Wer immer wieder gehört hat „Du bist zu dumm, aus dir wird sowieso nie was!“, der vergisst das nicht, der glaubt – wenn er es oft genug gehört hast – zuletzt selbst daran.

Solche Worte bleiben und belasten uns wie eine alte Krücke.

Psychologen habe dafür den Begriff „Sich-Selbst-Erfüllende-Prophezeiung“ gefunden; gemeint ist damit eine unbewusst ablaufende Verhaltensänderung bzw. -steuerung, die dazu führt, dass sich eine Erwartung oder Befürchtung auch tatsächlich einstellt.

Zum Glück weiß man inzwischen, dass sich ein solcher Prozess auch umkehren lässt!

Ein neuer Forschungszweig der Pädagogik – die Resilienzforschung – beschäftigt sich damit.

Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigungen zu überstehen.

Wichtigste Voraussetzung dazu ist, dass es in einem Menschenleben mindestens eine Person gegeben hat, die uns unbedingtes Vertrauen entgegengebracht hat, die uns in einem schwierigen Moment gesagt hat:

„Du kannst das! Ich traue es dir zu!“ Wie Jesus hier dem Kranken sagt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

Das reicht!

Bei Jesus, in seiner Nachfolge, sind Veränderungen jederzeit möglich!

Uns niederdrückende Erfahrungen müssen wir nicht ein Leben lang mit uns herumschleppen. Wir können sie Jesus zeigen. Auch das erfordert nach oft jahrelanger Verdrängung viel Mut!

Auch noch Vertrauen und vielleicht einen Moment, in dem wir den Kontakt zu Jesus suchen.

Im Rückblick auf mein Leben kann ich Namen von Menschen nennen, die in wichtigen Momenten meines Lebens Jesus ihre Stimme geliehen haben und mir gesagt haben:

Geh deinen Weg! Ich traue es dir zu!

Da waren meine Mutter Lene und mein Vater Audi, die mir den Besuch der Oberschule und ein Studium zutrauten und mir das unter eigenen Einschränkungen ermöglichten!

Da war meine Lehrerin Lucy Fischer an der Leintorschule in Nienburg die meine Eltern überredete, mich zum Probeunterricht an der Albert-Schweitzer-Schule anzumelden.

Dort in der 12. Klasse dann mein Lehrer Erich Dierks, der mir gegen das Versprechen, nicht gerade Mathematik zu studieren, endgültig den Weg zur Reifeprüfung und damit zum Studium eröffnete.

Diese Liste der Namen ließe sich noch weiterführen, aber sie ist ausreichend, das Gemeinte zu verdeutlichen.

Ich wünsche allen die Kraft und den Mut, heute einen Neufang zu wagen!

Vielleicht bitten Sie ja Jesus um die Kraft, einem alten Feind zu vergeben?

Sie werden erleben, wie das befreit!

Amen