Angedacht

09. Juli 2020
Elke Haarnagel; Foto: Jantje Ehlers

von Pastorin Elke Haarnagel, Wetschen

Menschen geraten aneinander

Menschen geraten aneinander. Der eine macht dem anderen einen Vorwurf. Der andere kontert. Wut breitet sich aus. Die Stimmen werden lauter, die Gesten wilder. Es kommt zwar nicht zu Schlägen, doch die Angriffe sind hart und die Verletzungen tief. Auch Worte hinterlassen Wunden. Ähnliche Szenen spielen sich tagtäglich überall ab: Kinder auf dem Schulhof werfen sich Schimpfwörter an den Kopf. Ehepartner machen sich Vorwürfe und steigern sich immer mehr hinein. Im Straßenverkehr werde ich an gehupt und hupe zurück. Ich werde beleidigt, suche nach Schimpfwörtern und will meinem Beleidiger weh tun. Diese Reaktionen geschehen so schnell, so automatisch, als ob wir nicht anders reagieren können.

Muss das wirklich so sein? Wenn ich angegriffen und beleidigt werde, kommt immer ein Punkt, in dem Wut in mir aufsteigt. Das Verlangen, zurückzuschlagen. Ein Moment, in dem ich das Böse in mir spüre. Aber davor gibt es eine Zeit, in der ich innehalten, mich fragen kann: Was spüre ich: Angst? Zorn? Schuld? Schmerz? Und will ich meinem Gegenüber auch Angst und Schmerzen zufügen? Oder kann ich anders reagieren als er/ als sie?

Vergeltet niemand Böses mit Bösem, schreibt Paulus im Römerbrief, Kapitel 12. Gib dich nicht dem Bösen hin, lass böse Gedanken und Gefühle nicht zu! Wenn du verletzt wirst, dann starte keinen Gegenangriff.

Wenn du beleidigt wirst, bleibe freundlich. Sei auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Durchbrich den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt.

In den Nachrichten aber höre ich täglich vom Bösen. Terroranschläge, Attentate, nicht enden wollende Kriege. Was kann das Gute sein, mit dem diese Übermacht des Bösen besiegt werden kann? Gibt es überhaupt etwas, das wir dem Bösen sinnvoll entgegensetzen können? Wie oft denken oder sagen wir: Da kann man halt nichts machen. So ist der Lauf der Welt.

Und doch glaube ich, dass das nicht so bleiben muss. Schon Kinder können lernen: es gibt diese Zeit, bevor ich zurückschlage, bevor ich beleidige. Diese Zeit, um Stopp zu rufen und innezuhalten und so einen Spielraum für Neues zu finden.

Schon Kinder können lernen, dass sie zornig sein dürfen, ihre Wut sagen, sie auch herausschreien dürfen. Aber dass sie deshalb nicht schlagen müssen.

Schon Kinder können lernen, dass man Konflikte lösen kann, ohne zu beleidigen und zu verletzten. Und Kinder lernen bekanntlich am besten, wenn Erwachsene ihnen das vorleben.

Lassen Sie uns versuchen, gute Vorbilder zu sein. Amen.

Pastorin

Elke Haarnagel
Tel.: 05446/1772