Angedacht

16. Juli 2020
Reinhard Thies; Foto: privat

von Pastor Reinhard Thies, Barenburg und Varrel

Von den Titelseiten der Zeitschriften strahlen sie mich an: Die makellosen Gesichter der Models und der mehr oder weniger berühmten Stars. Keine Falte ist zu erkennen, weiße Zähne blitzen zwischen den roten Lippen hervor, nichts stört den perfekten Gesichtsausdruck.

Manchmal schaue ich auf den Namen. Wer ist das da auf dem Bild? Ist die nicht schon knapp 50? Das sieht man ihr aber nicht an.

Doch ich weiß, das freundliche Gesicht ist nicht in Wirklichkeit so makellos, sondern weil der Fotograf am Computer nachgeholfen hat. Mit dem richtigen Programm sind die störenden Falten oft mit nur einen Klick entfernt, die Augen etwas vergrößert, die Zähne aufgehellt und das Lächeln strahlender. Leider wird oft zu viel „geglättet“ und retuschiert. Es ist mehr eine Wachsfigur, die ich da sehe. Die Person wirkt wie mit einer Maske und ist dahinter kaum mehr zu erkennen.

Warum werden die Bilder so stark bearbeitet und verändert? Ich vermute, oft steckt dahinter eine große Angst. Die Angst, als Mensch nur anerkannt zu sein, nur ernst genommen zu werden, wenn ich äußerlich makellos aussehe. Fehler machen mich verletzlich und angreifbar. Das, was nicht perfekt ist, riskiert schnell, den Spott auf sich zu ziehen. Und sei es den Spruch: Ist die oder der aber alt geworden.

Nicht nur die Models auf den Titelblättern, auch wir verwenden oft viel Kraft, Zeit und Geld darauf, nach außen makellos dazustehen. Ein Aufwand, der auf Dauer nicht nur sehr anstrengend ist, sondern mich selbst in Frage stellt. Bin ich das noch? Oder ist das jemand anders, dem ich da im Spiegel gegenübersitze?

Muss das so sein? Geht’s nicht auch anders? Ich denke, viele Menschen sehnen sich danach, so wahrgenommen zu werden, wie sie sind. Ohne sich verstellen zu müssen. Ohne ständig eine Maske aufsetzen zu müssen, die in diesem Fall mal nicht vor Corona, sondern vor dem Urteil der anderen schützt.

„Du bist ein Gott, der mich anschaut.“ So heißt es in der Bibel im Alten Testament (1. Mose 16,13). Es ist ein Blick voller Liebe, der mich aufrichtet. Von Gott angesehen zu werden, gibt mir eine Würde, die ich mir selbst nicht geben kann. Gott schaut mich an, weil er etwas mit mir zu tun haben will. Er schaut mich an, so dass ich mich geachtet und wertvoll fühlen darf und trotz aller Fehler aufrecht durchs Leben gehen kann.

Und meine Maske? Ich werde sie wohl immer mal wieder aufsetzen, aber ich brauche keine Angst zu haben, wenn sie verrutscht.

Pastor

Reinhard Thies
Tel.: 04274-94013