Angedacht

11. Juni 2020
Prädikant Rainer Triller; Foto: privat

von Prädikant Rainer Triller, Freistatt

Losung und Lehrtext:

Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei. (Psalm 124,7)

Der Engel des Herrn kam in das Gefängnis und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. (Apostelgeschichte 12,7)

Freiheit – ein großes Wort ist das!

Davon singt Marius Müller-Westernhagen in seinem bekannten Lied am Ende: „Freiheit, Freiheit ist das Einzige, was zählt.“ Auch in den Versen von Losung und Lehrtext geht es um Freiheit. Da entkommt ein Vogel aus dem Netz und da lösen sich Fesseln im Gefängnis. Solche Art von Freiheit, von Befreiung kennen die meisten von uns nicht. Vielleicht haben wir davon gehört von unsren Eltern oder Großeltern, die noch Kriegsgefangenschaft erlebt haben, die nach dem Krieg aus besetztem Land geflohen sind. Bis 1989 hat es Fluchten in die Freiheit gegeben in Deutschland von einem Teil in den anderen, über Mauer und Stacheldraht, unter Lebensbedrohung, weil in einem der Teile mehr Freiheit herrschte als im anderen.

Wir leben in Deutschland – die einen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die anderen seit 1989 – in einem freien Land, die meisten kennen es gar nicht anders.

Das ist gut so, und diese Freiheit müssen wir schützen.

Wir dürfen uns allerdings nicht in den vielen Möglichkeiten der Freiheit verstrickten. Freiheit braucht Orientierung und Vertrauen, damit sie nicht grenzenlos wird, damit sie nicht über die Stränge schlägt. Persönliche Freiheit findet spätestens dort ihre Grenzen, wo sie anderen Menschen Schaden oder Leid zufügt.

In den letzten Monaten haben wir erlebt, dass wir als Bürger_innen in unseren Freiheiten eingeschränkt wurden. Das haben alle mitgetragen, darüber herrschte großes Einverständnis, weil es dem großen Ziel diente, sich gegenseitig zu schützen, andere nicht zu gefährden. Und wir konnten alle erleben, dass die Einschränkungen eine Verminderung der Bedrohung bewirkten. Da ist es nicht verwunderlich, dass nun Menschen unzufrieden werden über die ihnen auferlegten Beschränkungen; sie verlangen die gewohnten Freiheiten zurück. Wohl auch, weil angesichts des regional unterschiedlichen Umgangs mit Einschränkungen und deren teilweiser Aufhebung Orientierung und vor allem Vertrauen in diejenigen, die entscheiden, verloren gegangen ist.

Ich denke, wir Christ_innen haben es da einfacher als andere:

Als geliebte Kinder Gottes, als die von ihm Angenommenen, sind wir frei, sind wir gewohnt in Liebe gebunden zu sein. Und können es wohl besser ertragen, wenn wir auf etwas verzichten müssen, damit es anderen Menschen wohl ergeht.