Angedacht

30. März 2020
Pastor Michael Steinmeyer; Foto: Jantje Ehlers

von Pastor Michael Steinmeyer, Wagenfeld

Wenn ich in diesen Tagen die Zeitung aufschlage, scheint es dort nur ein Thema zu geben: Das Coronavirus. Auf den hinteren Seiten aber finde ich dann manchmal Dinge, die mich ebenso wenig ruhen lassen.

Da lese ich neulich zum Beispiel, dass in Indien vier Männer hingerichtet worden sind. Gehängt, weil sie vor ein paar Jahren eine junge Frau brutal vergewaltigt und ermordet haben. Ein abscheuliches Verbrechen, zweifellos. Die Mutter des Opfers spricht jetzt von einem „Sieg der Gerechtigkeit“. Nun steht es mir nicht zu, über die Gefühle einer trauernden Mutter zu urteilen. Unsere Lokalzeitung allerdings schreibt unter einem Bild feiernder Menschen ebenfalls, diese feierten den Sieg der Gerechtigkeit.

Ohne Anführungszeichen. Muss ich jetzt annehmen, dass unsere Lokalzeitung sich diese Sicht der Dinge zu eigen macht?

Dann allerdings muss ich widersprechen. Denn wenn Menschen getötet werden, kann ich darin keinen Sieg der Gerechtigkeit erkennen. Sondern einen Sieg der Unmenschlichkeit.

Wir müssen im Moment mit großen Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit leben. Warum akzeptieren wir das? Weil wir verhindern wollen, dass das Personal auf einer Intensivstation entscheiden muss: Wer wird gerettet und wer muss sterben? Wir spüren: Die Entscheidung über Leben und Tod ist zu groß für Menschen.

Die Bibel erzählt dazu eine Geschichte: Jesus hält sich im Vorhof des Tempels in Jerusalem auf. Da bringen Männer eine Frau zu ihm. Sie ist auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden. Wie immer wir darüber denken – für die Menschen damals ist das ein ebenso abscheuliches Verbrechen wie Mord und Vergewaltigung. Diese Männer, fromm und rechtschaffen, haben das geltende Recht auf ihrer Seite: Die Frau muss gesteinigt werden. Trotzdem fragen sie Jesus nach seiner Meinung. Wahrscheinlich hoffen sie, dass er sich in Widersprüche verwickelt. Jesus lässt sich Zeit mit der Antwort. Er denkt nach und sagt dann: „Wer von euch ohne Schuld ist, soll den ersten Stein auf sie werfen.“ Da lassen die frommen und rechtschaffenen Männer die Steine fallen und gehen. Sie lassen sich von Jesus daran erinnern: Niemand von uns hat eine völlig weiße Weste. Darum steht es uns nicht zu, über Leben und Tod eines Menschen zu entscheiden.

Weil Jesus uns daran erinnert, kann es für mich als Christenmenschen nur ein unbedingtes Nein zur Todesstrafe geben. Ohne jedes Wenn und Aber.

Pastor

Michael Steinmeyer
Pastorenkamp 14
49419 Wagenfeld
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