Angedacht

06. Mai 2020
Kathrin Wiggermann; Foto: privat

von Pastorin Kathrin Wiggermann, St. Michaelis, Diepholz

Den Weg kennen

In dieser Woche jährt sich der 8. Mai, der Tag der Kapitulation Deutschlands, der Tag der Befreiung von Krieg und sinnlosem Tod zum 75. Mal.

Vor einigen Jahren erzählte mir eine alte Dame von einem Erlebnis am Ende des Krieges. Sie war zu der Zeit ein junges Mädchen von etwa 15 Jahren:

„Ich stand auf der Straße vor unserem Haus, als ein Bote mir einen blauen Brief in die Hand drückte und sagte: „Gib den deinen Eltern, das ist ein Stellungsbefehl.“

Ich ging hinein. Nur meine Großmutter war da. „Was ist eigentlich ein Stellungsbefehl?“, fragte ich sie.

„Eine Einberufung an die Front.“, sagte sie. Ich rannte nach draußen in ein Versteck und verbrannte den blauen Brief, der meinen Bruder für den 11. April ´45 an den Bahnhof nach Mellendorf zitierte. Mein Bruder war 14 Jahre alt. Er sollte noch in den längst verlorenen Krieg einziehen. Aber er fuhr nicht! Ich hatte den Brief ohne Wissen meiner Familie vernichtet.

Am 12. April, einen Tag später, begegnete mir vor unserem Haus eine Gruppe deutscher Soldaten. Soldaten? Es waren 14-/15-jährige Jungen, die mit Fahrrädern und Panzerfäusten unser Dorf verteidigen sollten. Denn die Amerikaner rückten an.

„In den Bunker!“, wurde auf der Straße geschrien. Aber da, wo der Bunker war, da waren schon die Amerikaner. Wir flüchteten also in den Keller.

Als wir wieder herauskamen, wurden gerade drei verwundete Jungs abtransportiert.

Einer war tot.

Er blieb einfach liegen. Am Straßenrand.

Später begruben mein Opa und ich ihn im Wald. Seinen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Es hätte mein Bruder sein können. Deshalb war er mir in dem Moment so nah wie ein Bruder.“

„Als ich aber, geblendet von der Klarheit des Lichtes, nicht sehen konnte, wurde ich an der Hand geleitet von denen, die bei mir waren, und kam ans Ziel.“ (Apostelgeschichte 22,11)

Ich hatte Engel an meiner Seite. Sie sangen nicht wie die himmlischen Heerscharen. Sie sprachen auch nicht: „Fürchte dich nicht.“ Aber sie kannten den Weg.

Einem Fremden den Weg zeigen, einen Beschuldigten in Schutz nehmen, ein Kind nach Hause bringen, einen tödlichen Stellungsbefehl verbrennen. Das macht noch nicht zum Engel. Aber zu einem, der den Weg kennt.

„Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen und das Höckerige zur Ebene.“, spricht der Prophet Jesaja die Verheißung Gottes in diesen neuen Tag hinein.

Pastorin

Kathrin Wiggermann
Tel.: 05441 / 1038