Angedacht

09. Mai 2020
Frauke Laging Diakonin im Kirchenkreis Diakonin in St. Nicolai, Diepholz Foto: Jantje Ehlers

von Diakonin Frauke Laging, St. Nicolai, Diepholz und Kirchenkreisjugenddienst

Chips oder Bikinifigur?

Urlaub ist im Moment ein großes Thema und mit den ersten Sehnsüchten, wieder reisen zu dürfen, kommen auch die Artikel für die perfekte Bikini-Figur „last minute in nur zwei Wochen“. Ich verrate Ihnen schon mal eins: Das wird nicht funktionieren.

Zumindest nicht bei mir. Eine perfekte Bikini-Figur habe ich, wenn ich einen anziehe. Fertig. Mich stört das nicht besonders, aber ich verbringe viel Zeit mit jungen Menschen, die sich um ihr Äußeres große Sorgen machen.

Das tut mir so leid! Sie sind alle witzig, klug, talentiert und schön – jede und jeder auf eigene, besondere Weise. Aber da kann ich predigen, wie ich will. Die Botschaft ist schwer zu vermitteln, weil Schönheitsideale, Erwartungen und dumme Sprüche, die andere machen, nicht so leicht zu ignorieren sind.

Eigentlich hätte heute meine jährliche Lieblingsveranstaltung stattgefunden: „Normal ist anders“! Zum Glück ist aufgeschoben nicht aufgehoben. Bei „Normal ist anders“ feiern wir nämlich einen ganzen Tag lang unsere Verschiedenheit. Es kommt nicht darauf an, der Schönste oder die Klügste zu sein. Wir haben Zeit, uns besser kennen zu lernen und hinter die Fassade zu schauen. Wie in der Geschichte von Samuel, den Gott losschickt, um einen neuen König zu salben. Er geht zu einem Mann, der mehrere Söhne hat. Als Samuel den ältesten Sohn sieht, der stattlich, groß und kräftig scheint, meint er, den zukünftigen König erkannt zu haben. Doch Gott bremst ihn ein: „Es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“

Es ist nicht so, wie wir uns einander sehen: „Der erste Eindruck zählt.“ Was macht es für einen Sinn, einen Menschen derart zu reduzieren? Wir tun es trotzdem, sind aber gleichzeitig empört, wenn jemand uns auf den ersten Blick beurteilt und in eine ihrer oder seiner Schubladen steckt.

Samuel salbt am Ende den richtigen Kandidaten zum König, den Jüngsten und Unscheinbarsten. Es ist David, der später den großen Goliat besiegt. Nicht mit bloßer Körperkraft, sondern mit Schläue und Geschicklichkeit.

Mit Gottes Hilfe hat Samuel also den richtigen König ausgewählt. Eine Entscheidung, die nicht auf den ersten Blick getroffen werden konnte. Nicht ohne Gottes Hilfe.

Menschen, die nicht nur auf das sehen, was vor Augen ist – das wünsche ich heute allen, die sich nicht wohl in ihrem Körper fühlen; die Angst haben, anderen nicht zu gefallen; die sich für nicht klug genug halten…

Ich jedenfalls mache mir heute Abend die Chips-Tüte auf UND trage trotzdem im Sommer den roten Bikini mit den Querstreifen. Gott sieht in mein Herz: Was soll da falsch an mir sein?

Diakonin

Frauke Laging
Tel.: 05441 / 70 94 18