Angedacht

19. März 2020
Diakon Rüdiger Fäth; Foto: Diakonisches Werk Diepholz - Syke-Hoya

von Diakon Rüdiger Fäth

Die Quarantäne und der weite Raum


„Sind wir bereit?“ titelte das bekannteste deutsche Nachrichtenmagazin in seiner letzten Ausgabe. „Wie berechtigt ist die Angst?“ war das Thema einer Polit-Talkrunde nach dem Tatort des letzten Sonntags. Beides hätte sich vor nicht mal einem Monat mit gleichem Wortlaut noch auf das umfassende Flüchtlingsthema beziehen lassen. Tat es diesmal aber nicht.


Wo sind die alles bewegenden Themen von gerade mal vorgestern eigentlich geblieben, im Heute und Jetzt? Ist Syrien befriedet? Hat das  SeaWatch-Programm der Kirche nachhaltig geholfen, gibt es allseits nun „Sichere Häfen? Ist das Ertrinken im Mittelmehr gestoppt? Haben wir gelernt, dass unsere Überfremdungsfantasien letztlich doch nur rassistischen Ursprungs sind? Ist die berechtigte Existenzangst von osteuropäischen und anderen Wirtschaftsflüchtlingen und Arbeitsmigranten behoben? Zu allen diesen Fragen gehört leider ein deutliches NEIN.


Ein ebenso deutliches JA verdienen allerdings die Vorsorgemaßnahmen gegen eine Beschleunigung des exponentiellen Anstiegs unvermeidlicher COVID-19 Infektionen. Ich erlebe das als ein Dilemma, in dem ich mich gefangen fühle. Es macht mir Angst, dass ich inzwischen die Strategie der Abkapselung, der zunehmenden Vereinzelung durch immer striktere Quarantäne-Forderungen nicht nur nachvollziehbar finde, sondern sie auch selbst propagiere. Zum Beispiel durch Schließung der Übernachtungsstelle in Diepholz bis auf Weiteres, oder das vorübergehende Einstellen meiner offenen sozialen Sprechstunden im Diakonischen Werk. Ich befürchte, der Verzicht auf fast alle Sozialkontakte zerhackt uns mit der Zeit das Gefühl für notwendige Solidarität. Viele unter uns, die aus ihrem Leben die Lehre gezogen haben, sich selbst die Nächsten zu sein, erleben das als Aufwind und Bestätigung. Der Blick über den Tellerrand droht sich auch mir zunehmend zu verschleiern.


„Die Welt geht allerorts zunehmend den Bach `runter,“ beklagt sich ein Freund. „Als Vorsorge verkaufte Quarantäne schränkt unser aller Lebendigsein ein. Und was macht die Kirche?“ schimpft er, „Nichts als mal wieder nur Worte!“ Ich weiß nicht mal, was ich machen kann, um dieser Zwickmühle aus erforderlichem Selbstschutz, notwendiger Achtsamkeit für Andere sowie globaler Verantwortung zu entkommen. Noch weniger habe ich ein Rezept für das Verhalten „der Kirche“. Es stimmt, Kirche hat wieder mal viele Worte parat. Widerworte wären diesmal wirklich angesagt. Worte, die der allgemeinen Resignation widersprechen. Worte, die Hoffnung geben, die sich querlegen zur eigenen Nabelschau und den Blick wieder schärfen über den Tellerrand hinaus.


Als ein solches biblisches Widerwort gilt mir ein Vers aus Psalm 31: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ wird da von Gott behauptet. Was für ein Paradox in Zeiten von Corona und Quarantäne! So ist der Mensch gemeint: mit weitem Aktions- und Spielraum, mit freizügiger Mobilität zum Überbrücken von Distanzen. Hoffnung auf Überwindung macht das. Denn dieser Psalm formuliert Erfahrungswissen. Bei, durch und mit Gott ist Freizügigkeit da. Und das gilt nicht nur für mich in dieser aktuellen Zeit von Angst und Bedrängnis. Das gilt auch für die von uns weit weg gelegenden Elends- und Notgeschichten von vorgestern. Denn die werden wohl leider auch „nach Corona“ längst noch nicht erledigt sein. Und so weitet sich das Widerwort vom Impuls zur Hoffnung zu einer Aufforderung: tut was füreinander, kommt wieder in Bewegung, ihr werdet es können, denn dafür stellt Gott eure Füße auf weiten Raum.


Bleiben Sie gesund!

Diakon

Rüdiger Fäth
Postdamm 4
49356 Diepholz
Tel.: 05441 9879-10