Klagelieder Jeremias 3,22-32

19. September 2021

Zu Anfang habe ich geflucht und geschrien. An einem Mittwochabend habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin in den Flur gelaufen und solange mit meinen Schuhen gegen die Wand geworfen, bis einer den Spiegel über der Kommode getroffen hat und die Scherben auf den Boden niederregneten. Sieben Jahre Pech sagt man. Aber man hatte mir auch gesagt, dass ich keine sieben Jahre mehr haben würde, also war es auch egal.
Später habe ich stumm gelitten. Ich habe die Wände angestarrt und die Uhr beobachtet, während ich darauf wartete, die weißen Räume wieder verlassen zu können und den Geruch nach Desinfektionsmittel und Krankheit von meinem Körper zu waschen. An einem Donnerstagmorgen habe ich nicht einmal mehr „Ja“ oder „Nein“ geantwortet, sondern nur noch wortlos genickt.
An einem Freitag wollte ich mich von meinem Partner trennen und meinen Hund meinen Eltern geben. Ich war davon überzeugt, dass sich alle schnell in Sicherheit bringen sollten, bevor ich untergehe und sie mit mir in die Tiefe reiße.
Und die ganze Zeit habe ich ihn verflucht, „den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Denn er hatte mich schließlich auch verflucht. Bestraft für etwas, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich es getan habe. Bis heute weiß ich es nicht.
Aber an einem Samstag, ganz plötzlich, da entschied ich, dass es genug war. Genug Hass und Leid, genug stumme Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Ich konnte nicht nur ein verlorenes Staubkorb in der Unendlichkeit sein, verloren, sobald ich fort sein würde.
Und am Sonntag klagte ich ihn nicht mehr nur an, sondern klagte mit ihm. Und mit ihm kam die Hoffnung zurück und die Freude und mit ihm ging es ein kleines Stück besser.

Lektorin

Lena Siemering