19. November 2021

Mit dem Sommer endete meine Elternzeit, und wir wollten noch mal länger reisen, bevor die Arbeit und der ganze Alltag wieder losgingen. Mit vollgepacktem Auto, dreckigen Klamotten, wilden Vagabunden-Frisuren, sehr schönen Erlebnissen, südländischer Gelassenheit und dem Gefühl von großer Freiheit traten wir die Rückreise an. In Italien fühlten wir uns noch im Urlaub, in der Schweiz war alles ordentlich, geregelt, beschildert.
Wenn wir Picknick-Pausen machen wollen, halten wir immer nach Kirchen Ausschau, denn da sitzt man ja eigentlich immer schön. Und so war es auch in diesem Ort kurz hinter der Schweizer Grenze. Eine kleine Kirche, der Friedhof ringsherum. Wir setzten uns vor die Friedhofsmauer auf den Boden, unser kleiner Junge krabbelte über das Pflaster, steckte jedes Blatt und jeden Stein in den Mund, lachte und kreischte vor Begeisterung über alles, was er sah und tat. Da löste sich hinter einem Grabstein ein Schatten und eine alte, verhärmt aussehende Frau kam erstaunlich schnellen, entschlossenen Schrittes auf uns zu. Verdammt, dachte ich, wir fahren hier vor wie ein Wanderzirkus, lungern auf dem Boden rum und picknicken, das Kind ist zu laut und viel zu gut gelaunt – wie egoistisch von uns, gar nicht drüber nachzudenken, dass hier ja Menschen in Ruhe um ihre Verstorbenen trauern möchten. Ich griff nach den Kaffeebechern.
„Halt!“, rief die alte Frau, „Packet Sie nid zämma! Blibed Sie!“
Aber statt uns zu ermahnen, strahlte sie uns plötzlich an. „Bitte gönd Sie nonid. Dies Bübli isch ja voller Sunne. Blibet Sie no e bitzeli, dänn gaht’s mir besser!"
Natürlich blieben wir. Und ich glaube, es ist das schönste, was ich jemals über einen Menschen gehört habe. Nicht, weil es um den Menschen ging, der für mich der tollste auf der Welt ist. Aber für dieses Bild, dass jemand „voller Sonne ist“, werde ich der Frau immer dankbar sein.

Miriam Unger
Presse- und Öffentlichkeitsreferentin in den Kirchenkreisen Grafschaft Diepholz und Syke-Hoya