Zukunftsprozess - warum überhaupt?

Bewegte Zeiten: Kirche ist ständig im Wandel. Aber inzwischen sind die Veränderungen, mit denen wir umgehen müssen, so weitreichend, dass es nicht mehr ausreicht, mit Anpassungen zu reagieren. Wir müssen ganz grundsätzlich neu denken und die Arbeit in unserem Kirchenkreis anders organisieren, damit unsere Gemeinden auch in den kommenden Jahren gut für die Zukunft aufgestellt sind. Foto: Miriam Unger

Kirche hat sich schon immer verändert. Seit Pfingsten vor fast 2.000 Jahren ist sie ständig im Wandel – also schon von Anfang an, seit es unsere Kirche gibt. Strukturen entstehen und verändern sich, Gebäude werden gebaut und abgerissen. Neue Konfessionen und Berufe entstehen, Menschen kommen dazu, andere verlassen die Gemeinschaft.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Kirche bis in die 1980er- und 1990er-Jahre hinein. Mitglieder, Geld und Mitarbeitende waren ausreichend vorhanden. Seit der Jahrtausendwende gehen diese Ressourcen nun aber zurück. Lange konnten wir darauf mit kleineren Anpassungen reagieren. In den vergangenen Jahren hat sich der Rückgang massiv beschleunigt. Gleichzeitig wünschen sich viele Menschen weiterhin Begegnungen mit der Kirche, mit Gott oder mit seinem Segen.

Wir stehen deshalb vor einer neuen Situation: Die Veränderungen sind inzwischen so weitreichend, dass einzelne kleine Anpassungen nicht mehr ausreichen. Wir müssen grundsätzlicher neu denken und unsere Arbeit anders organisieren.

Steffen Bauer, Experte für kirchliche Zukunftsprozesse, hat 2025 gemeinsam mit uns den „Zukunftstag“ in Sulingen gestaltet. Seine Botschaft: Es reicht nicht mehr, Bestehendes zu optimieren. Wir müssen transformieren – also grundlegend verändern und neu gestalten.

Wo spüren wir den Veränderungsdruck konkret?

  • Weniger Mitglieder
    Anfang des Jahrtausends hatten wir noch ungefähr 56.000 Gemeindeglieder im Kirchenkreis. Ende 2025 waren es weniger als 40.000.  Für Mitte der 2030-er Jahre erwarten wir einen Wert von ungefähr 30.000 bis 32.000, wenn sich der Trend der letzten Jahre fortsetzt. Das bedeutet: Innerhalb von etwas mehr als einer Generation könnte sich die Zahl unserer Gemeindeglieder halbieren.
  • Weniger Finanzkraft
    Mit den Mitgliederzahlen sinken auch die Kirchensteuerzuweisungen. In den vergangenen sechs Jahren sind wir von einem Rückgang um zwei Prozent pro Jahr ausgegangen. Das ließ sich durch Umstrukturierungen noch auffangen. Für die kommenden zehn Jahre rechnen wir inzwischen mit einem Rückgang von etwa drei Prozent pro Jahr. Die aktuellen Prognosen aus dem Landeskirchenamt gehen sogar von bis zu vier Prozent jährlich aus.
    Das bedeutet: Innerhalb von zehn Jahren könnten wir ein Drittel unserer Finanzkraft verlieren. Mit den bisherigen Anpassungen werden wir das nicht mehr auffangen können. Wir müssen unsere Arbeit deshalb neu organisieren.
  • Weniger Pastor*innen
    Wie in vielen anderen Berufen auch gehen derzeit viele Fachkräfte aus der sogenannten Babyboomer-Generation in den Ruhestand. Auch in unserem Kirchenkreis hat das erhebliche Folgen: In den kommenden fünf Jahren wird uns dadurch voraussichtlich etwa die Hälfte unserer Pastorinnen und Pastoren fehlen.
    Davon sind besonders stark der Osten und der Süden des Kirchenkreises betroffen.
    Gleichzeitig gibt es nur noch wenig pastoralen Nachwuchs. Wir können deshalb nicht damit rechnen, viele der frei werdenden Stellen neu zu besetzen.
    Bei unseren Diakon*innen ist die Ausgangslage glücklicherweise anders: Sie sind derzeit alle in einem Alter, dass sie voraussichtlich auch im kommenden Jahrzehnt noch in unserem Bereich arbeiten können.
  • Zu viel Verwaltung, zu wenig Zeit für die eigentlichen Aufgaben
    Aus vielen Kirchenvorständen hören wir, dass die Verwaltungsarbeit zu umfangreich geworden ist und auf immer weniger Schultern verteilt werden kann. Einige Kirchenvorstände drohen unter die Grenze von drei Mitgliedern zu sinken. Dann kann der Kirchenvorstand nicht mehr bestehen – und damit ist auch die Existenz der Kirchengemeinde gefährdet.
    Nicht nur unsere ehrenamtlich Engagierten, sondern auch die Hauptamtlichen in den Kirchengemeinden verbringen viel Zeit mit Verwaltungsaufgaben. Sie beklagen zu Recht, dass ihnen dadurch oft zu wenig Zeit für das bleibt, was ihren Beruf eigentlich ausmacht: die Arbeit mit und für Menschen.
  •  Klimaschutz und Gebäudemanagement
    Die Folgen des Klimawandels werden immer deutlicher. Zugleich hat Kirche den besonderen Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Deshalb hat sich die Landeskirche ehrgeizige Ziele gesetzt. Das kirchliche Leben soll klimaneutral werden. Dafür müssen wir unseren Gebäudebestand intensiv überprüfen. Welche Gebäude können wir klimagerecht umbauen und langfristig sinnvoll nutzen? Von welchen müssen wir uns möglicherweise trennen? Diese Fragen werden umso dringlicher, weil angesichts der knapper werdenden finanziellen Mittel auch weniger Geld für Baumaßnahmen zur Verfügung steht.

Viele Baustellen – eine Herausforderung
Mitgliederrückgang, sinkende Einnahmen, weniger Pastorinnen und Pastoren, hohe Verwaltungsbelastung und die notwendige Anpassung unseres Gebäudebestands: All diese Entwicklungen treffen uns gleichzeitig und beeinflussen sich gegenseitig.
Wir stehen vor einer komplexen Aufgabe, die wir nicht mehr mit einzelnen Korrekturen lösen können. Darum müssen wir einen Weg finden, unsere Kräfte und Mittel künftig so einzusetzen, dass kirchliches Leben weiterhin möglich bleibt.