Das „Inselmodell“: Nicht kleiner denken, sondern ganz neu

Nachricht 29. August 2026

Die Kirchenkreissynode berät in Sulingen über Strukturen für die Zukunft: Steuerungsgruppe präsentiert innovativen Vorschlag

Kirchenkreissynode im Gemeindezentrum Sulingen: Alle Plätze sind besetzt, als Juliane Worbs und Marten Lensch den Vorschlag der Steuerungsgruppe für den Transformationsprozess präsentieren - das „Inselmodell“. Foto: Miriam Unger

„Diese Synode ist was Besonderes. Sogar was Sensationelles. Denn unsere Tagesordnung hat dieses Mal nur drei Punkte. Wer jetzt aber glaubt, wir sind heute ganz schnell fertig, täuscht sich!“ Unter Gelächter begrüßte Vorsitzender Ingo Jaeger am Mittwoch im Evangelischen Gemeindezentrum in Sulingen gut 60 Teilnehmende der Kirchenkreissynode. Und recht sollte er behalten: Aus den drei Tagesordnungspunkten wurden am Ende mehr als drei Stunden intensiver Beratung, Diskussion und lebhaften Austauschs.

Die Synode ist das Parlament des Kirchenkreises Grafschaft Diepholz. Hier kommen Vertreter*innen aus allen Kirchengemeinden und den verschiedenen Arbeitsbereichen des Kirchenkreises zusammen, um über Grundsatzfragen zu beraten und über Ausrichtung, Inhalte, Bauvorhaben, Finanzen und Personalthemen zu entscheiden. Das Thema dieses Mal: der Transformationsprozess von Kirche und die konkrete Aufgabenstellung: „Wie gestalten wir unseren Kirchenkreis um, um ihn zukunftsfähig zu machen?“

Professor Dr. Christoph Goos, Juristischer Vizepräsident im Landeskirchenamt Hannover, gab in seinem Impulsvortrag einen Überblick, wie kirchliche Veränderungsprozesse an anderen Orten ablaufen. Foto: Miriam Unger

Den Auftakt machte Prof. Dr. Christoph Goos, Juristischer Vizepräsident im Landeskirchenamt Hannover. Sein Impulsreferat gab einen Überblick über Veränderungsprozesse in der Hannoverschen Landeskirche und in anderen Kirchen in Deutschland.

Danach wurde es konkret: Superintendent Marten Lensch und seine Stellvertreterin Juliane Worbs stellten den bisherigen Verlauf des Zukunftsprozesses im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz vor und präsentierten als Diskussionsgrundlage den Vorschlag der mit dem Thema beauftragten Steuerungsgruppe – das „Inselmodell“.

„Die Ausgangslage ist bekannt: Die Zahl der Gemeindeglieder sinkt, finanzielle Spielräume werden kleiner, und beim hauptamtlichen Personal stehen große Veränderungen bevor. Die Zahl der Pfarrpersonen wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich halbieren – allein aufgrund der zu erwartenden Pensionierungen der sogenannten Baby-Boomer“, fasst Lensch zusammen. Aber noch könne man gestalten. Und genau das soll nun zügig geschehen.

„Es geht nicht darum, überall ein bisschen zu kürzen und das Gleiche effizienter zu machen, um das bisherige System noch möglichst lange am Laufen zu halten“, erklärt Juliane Worbs. „Sondern darum, ganz neu und von der Zukunft her zu denken.“ Für diese ambitionierte Aufgabe hat sich die Steuerungsgruppe den Leitsatz „Sei mutig, sei stark!“ ausgesucht.

Die Steuerungsgruppe für den Transformationsprozess: Marten Lensch (Superintendent im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz), Juliane Worbs (Pastorin im Projekt „Ankerzeit“ und stellvertretende Superintendentin), Andreas van Veldhuizen (stellvertretender Leiter des Kirchenamts in Sulingen) und Rainer Ausborn (Vorsitzender des Finanz- und Stellenplanungsausschusses der Kirchenkreissynode, Mitglied im Kirchenkreisvorstand, im Kirchenverbandsvorstand und im Umwelt- und Nachhaltigkeitsausschuss). Foto: Miriam Unger

Mit der schonungslosen Frage „Wozu ist der Kirchenkreis eigentlich da?“ haben sich in den vergangenen Monaten mehrere Arbeitsgruppen beschäftigt. Und Antworten gefunden, auf die die Angebote und Strukturen von Kirche vor Ort in den kommenden Jahren zugeschnitten werden sollen.

Der konkrete Vorschlag, den die Steuerungsgruppe der Synode vorlegte, trägt den Namen „Inselmodell“.

Die Grundidee: Nicht mehr 16 unterschiedlich große Kirchengemeinden, sondern vier in etwa gleich starke Gemeinden sollen künftig gemeinsam den Kirchenkreis bilden. Jede dieser vier „Inseln“ wäre eine eigene Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Entfernungen innerhalb einer Insel sollen maximal 22 Kilometer betragen. „Groß genug, um stark zu sein. Klein genug, um nah zu bleiben“, beschreibt Juliane Worbs den Ansatz.

Angedacht sind:

  • „Nordwest-Insel“: Barnstorf, Mariendrebber, Jacobidrebber und die Gesamtkirchengemeinde Rehdener Land
  • „Nordost-Insel“: Neuenkirchen-Schmalförden, Schwaförden-Scholen, Mellinghausen-Siedenburg und Sulingen
  • „Südwest-Insel“: die Gesamtkirchengemeinde Diepholz, Burlage, Brockum und Lemförde
  • „Südost-Insel“: Barenburg, Varrel, die Gesamtkirchengemeinde Ströhen-Wagenfeld und Kirchdorf
Beteiligungsprozess: Die Mitglieder der Synode diskutieren den Vorschlag der Steuerungsgruppe. Foto: Miriam Unger

Aus heute 25 Körperschaften des öffentlichen Rechts würden sechs werden: der Kirchenkreis, der Kita-Verband und vier Kirchengemeinden.

Die Arbeit der Kirchenvorstände und der Verwaltung soll sich verändern. Vorgesehen ist nur noch ein Kirchenvorstand je Insel, ergänzt durch Ausschüsse, Beiräte und Fachleute vor Ort. Professionelle Gemeindemanager*innen sollen entlasten, Gemeindebüros schrittweise zusammenwachsen und Verwaltungsaufgaben stärker gebündelt werden. „Das bedeutet: weniger Zeit für Verwaltung, mehr Zeit für Menschen, Angebote und Inhalte“, erklärt Marten Lensch.

Jede Insel soll zwei feste Pfarrpersonen als Ansprechpartner vor Ort haben. Zusätzlich sieht das Modell sogenannte „Freischwimmer*innen“ vor, die kirchenkreisweit tätig sein und bestimmte Themen oder Zielgruppen betreuen könnten.

Dass so tiefgreifende Veränderungen von den aktiven Kirchenmitgliedern nicht einfach so durchgewunken werden, war bei der Synode natürlich deutlich zu spüren. Nach den Vorträgen und der Vorstellung des „Inselmodells“ ging es in den „Open Space“ – eine Art Marktplatz für Meinungen, Themen, Ideen, Anmerkungen und Kritik. Die Synodalen trafen sich in verschiedenen Zusammensetzungen an Stationen zu den Themenschwerpunkten „Struktur und Zuschnitt der Inseln“, „Gemeindeleben, Gottesdienst und Ehrenamt“, „Personal, Verwaltung und Kirchenvorstände“ sowie „Sorgen, Übergänge und Abschiede“. Es wurde viel diskutiert. Es wurde nachgefragt. Und vieles hinterfragt.

Ehren- und Hauptamtliche beraten, fragen und hinterfragen im „Open Space“ . Am Ende fasst die Synode den Beschluss, das weitere Beteiligungs- und Diskussionsverfahren zu unterstützen und am „Inselmodell“ weiterzuarbeiten. Die genaue Ausgestaltung ist allerdings noch ergebnisoffen. Foto: Miriam Unger

„Das wollen wir ja auch“, sagt Superintendent Marten Lensch. „Alle Gemeinden und Arbeitsbereiche sollen gehört und mitgenommen werden auf diesen gemeinsamen Weg. Das Inselmodell ist ausdrücklich kein fertiger Bauplan, sondern eine Diskussionsgrundlage – ein Vorschlag.“ Die Rückmeldungen aus den Arbeitsgruppen und Gemeinden sollen in den weiteren Prozess einfließen.

Am Ende stimmte die Kirchenkreissynode dem Beschlussvorschlag zu, das weitere Beteiligungs- und Diskussionsverfahren zu unterstützen. Am „Inselmodell“ soll weitergearbeitet werden – die genaue Ausgestaltung ist allerdings noch ergebnisoffen.

In den kommenden Wochen und Monaten werden Marten Lensch und Juliane Worbs alle Kirchenvorstände im Kirchenkreis besuchen, um den Zukunftsprozess noch stärker in die Gemeinden zu tragen. Sie wollen das „Inselmodell“ vorstellen, Fragen beantworten und vor allem hören, was die Menschen vor Ort dazu sagen.

Die Steuerungsgruppe wird die Ergebnisse auswerten und der Kirchenkreissynode im Dezember erneut berichten.

Die nächste Kirchenkreissynode findet am 2. Dezember 2026 um 18 Uhr statt.

Miriam Unger