„Wir sind der Notarzt für die Seele“

Nachricht 25. September 2026

Sabine Rasper ist ehrenamtliche Notfallseelsorgerin im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz / Einführung am 4. Oktober in Scholen

Sabine Rasper

Die Nachricht kommt plötzlich, meist vollkommen unerwartet – und man ist geschockt, am Boden zerstört. Wie geht man damit um, wenn man eine ganz schreckliche Nachricht erhält? Wenn jemand, der einem nahesteht, plötzlich aus dem Leben gerissen ist und man als Zurückgebliebener verzweifelt? Menschen in diesen Situationen nicht allein zu lassen, sie durch die erste schlimme Zeit zu begleiten – das hat sich die kirchliche Notfallseelsorge zur Aufgabe gemacht. Die „Helferinnen in der Not“ sind für den Ernstfall ausgebildet und bleiben, wenn Polizei oder Notarzt gegangen sind.

Zu diesem Kreis zählt nun auch Sabine Rasper im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz.

Am Sonntag, 4. Oktober, wird die engagierte Ehrenamtliche nach abgeschlossener Notfallseelsorge-Ausbildung im Rahmen eines Gottesdienstes um 9.30 Uhr in der Kirche in Scholen in den Kreis der Notfallseelsorger*innen aufgenommen. Beim anschließenden Brunch mit Buffet im Gemeindehaus ist Zeit, Sabine Rasper und die Notfallseelsorge im Gebiet kennenzulernen.

Reicht die aktuelle Zahl an Engagierten im Landkreis Diepholz eigentlich aus, um all die Fälle zu betreuen? „Nein“, lautet die Antwort von Diakon Jörg Brand. Er koordiniert die Notfallseelsorger im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz und ist auch im Katastrophenschutz zuständig. Zwölf hauptamtliche Notfallseelsorgende sind im Kirchenkreis im Einsatz, dazu drei ehrenamtliche: Beate Kenneweg aus Drebber, Almut Härtel aus Barnstorf und nun auch Sabine Rasper aus Scholen.

Die Verteilung der Fälle erfolgt über eine App. Wer gerade Dienst hat, reagiert und macht sich auf den Weg. Wenn jemand Dienst hat und gerade so spontan nicht kann, gibt das System den Fall nach 15 Minuten für die anderen Helfer*innen frei. Es gibt Zeiten, da ist es ruhig, und andere, da folgen die Alarmierungen in schneller Folge aufeinander.

Sabine Rasper erklärt, dass die Bereitschaftszeit ihren sonst üblichen Tagesrhythmus verändert. Außerhalb der Bereitschaft liegt kein Telefon auf dem Nachttisch. Kein Auto steht bereit, mit dem sie gleich zum Einsatz fahren kann. In der Zeit der Bereitschaft aber doch. „Das hat aber auch etwas Positives. Man geht bewusster mit der Zeit um.“

Sabine Rasper ist nach absolvierter Ausbildung ehrenamtliche Notfallseelsorgerin im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz. Über die Verstärkung freuen sich (v.l.): Pastor Thomas Herzberg (Beauftragter für die Notfallseelsorge im Sprengel Osnabrück), Diakon Jörg Brand (Koordinator für die Notfallseelsorge im Kirchenkreis Grafschaft Diepholz) und Gerald Engeler, (Pastor in Scholen-Schwaförden). Foto: Sylvia Wendt

In der Regel wird das Angebot der Notfallseelsorge vor Ort von Rettungskräften gemacht. Notfallsanitäterinnen und Notärztinnen haben ein geschultes Auge für die Situation und die Beteiligten. Auch die Polizei wird in diesem Bereich aktiv. Wer selbst Notfallseelsorge benötigt, wählt die „112“ für die Leitstelle, und die gibt die Anfrage an den Kreis der Notfallseelsorgenden in der Region weiter.

Koordinator Jörg Brand betont: „Mir ist es lieber, wir werden einmal zu viel benachrichtigt als einmal zu wenig.“ Sein Plädoyer an die Ersten, die im Notfall vor Ort sind: „Nehmt uns mit. Holt uns möglichst schnell an die Seite der Menschen. Je früher wir dabei sind, desto mehr Informationen bekommen wir gleich mit und können unmittelbar Hilfe leisten.“ Je später die Seelsorger*innen dazu gerufen werden, desto schwieriger werde die Betreuung – „eben, weil man nicht von Anfang an dabei war und sich alles noch mal erklären lassen muss.“

Wie Sabine Rasper zu dieser herausfordernden Aufgabe gekommen ist? Die Buchbindermeisterin aus Scholen ist im Hospizdienst aktiv. Sie ist in der Sterbebegleitung geschult, kennt sich mit Trauer und Verlust aus, und so kann sie auch die neue Aufgabe mit vollem Bewusstsein und einem guten Rückhalt angehen, sagt sie.

Die Trauerbegleiter-Ausbildung ist eine intensive Schulung. Für Sabine Rasper bedeutet die eigene Supervision eine Bereicherung. Außerdem habe sie einen Ehemann an ihrer Seite, Freundinnen und Kolleginnen – allesamt Menschen, mit denen sie sich gut über Themen austauschen kann, die bedrücken.

Sie dürfe sich aber auch als Notfallseelsorgerin Auszeiten nehmen, betont Jörg Brand. „Das ist manchmal nötig, wenn Einsätze schwer sind und die Schicksale einem sehr nah gehen.“ Auch hier helfe die Gemeinschaft: Der Kreis der Notfallseelsorge-Kolleginnen fange sowohl die Einsätze auf, die jemand nicht leisten kann, wenn alles zu viel wird, als auch die betroffenen Kolleginnen.

„Notfallseelsorgende sind so was wie der Notarzt für die Seele“, beschreibt Jörg Brand die Aufgabe. Und Pastor Thomas Herzberg, Beauftragter für die Notfallseelsorge im Sprengel Osnabrück, ergänzt: „In der Notfallseelsorge ist man nah dran an den Menschen. Man wird nicht mehr als Fremder wahrgenommen. Man wird in der Trauer und für den Moment integriert in die Familie. Da ist es wichtig, dass man sich nicht verzettelt und auch lernt, wieder loszulassen.“

Die trauernden Angehörigen werden aber nicht einfach allein gelassen, wenn der erste Schock gemeinsam mit der Notfallseelsorge überstanden ist. Geht der Bedarf über die Zeit hinaus, können die Notfallseelsorger*innen eine Trauerbegleitung als Hilfe vermitteln.

Sylvia Wendt