am 30. Mai 2026
„Sie müssen sich das so vorstellen: ihr Notebook ist schon da, aber eigentlich ist es nicht da.“ Irritiert schaue ich auf mein Notebook und fasse unsicher über die Tasten. Prüfend, ob ich mir die Existenz einbilde. Zugleich auch fast schon etwas stolz darüber, dass mein digitales Endgerät derart philosophisch unterwegs ist. Alles wirkt jedoch wie immer. Es reagiert auf den Tastendruck. Auch der Mauszeiger bewegt sich einwandfrei. Die Irritation bei mir wächst noch weiter. Bilde ich mir das alles ein? Bin ich in einer Parallelwelt gefangen? Scheinbar kann mein Gegenüber aus der IT-Abteilung durch den Telefonhörer hinweg mein verwirrtes Gesicht sehen. Eventuell ist auch einfach mein Schweigen richtig interpretiert worden. Jedenfalls kommt schnell ein erklärender Satz hinterher: „Es wird bei uns hier vor Ort nicht angezeigt. Sie sollten es möglichst bald vorbeibringen.“ Das Gespräch ist beendet. Die Lösung des Rätsels ist in Sicht.
Erleichtert seufze ich ganz leise. Ich bin nicht verrückt geworden. Ich sitze wirklich in meinem Amtszimmer und schreibe an einer Predigt. Mein Notebook existiert. Es hat sich nur vor der IT verborgen.
Da und existent, zugleich jedoch vorborgen sein. Diese philosophische Existenz meines Notebooks gleicht dem Empfinden, was Menschen – vielleicht jeder religiöse Mensch irgendwann einmal – auch gegenüber Gott in ihrem Leben empfinden können. Das Gefühl, dass Gott da ist, wirkt und gleichzeitig nicht wirkt, nicht hilft. Ein Gott, der sich nicht meinen Gefühlen, Nöten und Sorgen annimmt. Zweifel angesichts weltweiter Entwicklungen und die Frage, warum Gott nicht eingreift und es Leid gibt. Auch die Bibel kennt Gottes Verborgenheit. „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott“ lesen wir bei Jesaja in Kapitel 45. Es wird an das verborgene Handeln Gottes erinnert. Hier jedoch nicht an seine Ferne, sondern an seine Nähe. Gegen alle Erwartung kann das Volk Israel zurück in die Heimat zurückkehren. Ein Wunder, in dem der Schreiber Gottes Wirken in der Welt sieht und für ihn zeigt das: Trotz der empfundenen Gottesferne des Volkes weit weg von ihrem eigentlichen Zuhause, war Gott da. Er hatte sie nach den Jahrzehnten nicht vergessen.
Da und zugleich nicht da. Fern und gleichzeitig nah. Gottes Existenz fordert heraus. Wir können sie nicht einfach prüfen. Anders war dies bei meinem Notebook. In Sulingen angekommen, konnte es sein Dasein beweisen. Es handelt nun nicht mehr verborgen.
Pastor Hendrik Hundertmark, Kirchengemeinde Lemförde